Vom Mobilitätsexperiment zur Beteiligungskultur: Rückblick auf „100fach mobil“
Was zwei Jahre Projektarbeit in drei sächsischen Städten über nachhaltige Mobilität gezeigt haben
Wie lässt sich die Verkehrswende in Klein- und Mittelstädten voranbringen? Mit dieser Frage haben wir vor zwei Jahren unser Modellprojekt „100fach mobil“ gestartet, bewusst als Experiment im Alltag. Statt Konzepte zu entwerfen, haben 60 Haushalte in Frankenberg/Sa., Markkleeberg und Pirna ein Jahr lang praktisch erprobt, wie Mobilität mit deutlich weniger Auto funktionieren kann. Sie nutzten Bus und Bahn, das Fahrrad oder kombinierte Verkehrsmittel und wurden dabei durch ein monatliches Mobilitätsbudget in Höhe des Deutschlandtickets unterstützt. Ihre Erfahrungen reflektierten sie regelmäßig gemeinsam mit den Stadtverwaltungen.
Am 3. Dezember kamen die Beteiligten im Verkehrsmuseum Dresden zusammen, um Bilanz zu ziehen. Im Mittelpunkt standen dabei weniger Zahlen als Erkenntnisse aus dem Alltag. Wo funktioniert nachhaltige Mobilität bereits gut? Wo stößt sie an Grenzen? Und welche Erfahrungen lassen sich auf andere Klein- und Mittelstädte übertragen?
Was in den drei Städten passiert ist
Im Verkehrsmuseum Dresden trafen Projektteilnehmende, Bürgermeister und Verwaltungsmitarbeitende aus den drei Städten, Fachleute aus Verbänden sowie Interessierte aus ganz Sachsen aufeinander. In der ersten Tagungshälfte zogen die drei Projektkommunen Bilanz. Teilnehmende und Vertreterinnen und Vertreter aus Politik und Verwaltung berichteten, was sich im Alltag verändert hat und wo weiterhin Herausforderungen bestehen. Dabei wurde schnell deutlich: Jede Stadt bringt eigene Voraussetzungen und Fragestellungen mit.
Frankenberg/Sachsen: Lebendiger Austausch und lückenhafter ÖPNV
In der kleinsten Projektkommune Frankenberg/Sa. ist die Gruppe besonders eng zusammengewachsen. Der Austausch mit der Verwaltung war intensiv und von gegenseitigem Interesse geprägt. Zentrales Thema war der ÖPNV. Schlecht abgestimmte Linienfahrpläne und schwer erreichbare Ortsteile stellten für viele Teilnehmende eine große Hürde für autofreie Mobilität dar, wie Projektteilnehmerin Lisette Tolxdorf berichtete.
Harald Schmitz erzählte, dass er das Auto im Laufe des Projekts fast vollständig stehen gelassen hat. Nur für die Nachbarschaftshilfe greife er noch darauf zurück – ein Aspekt geteilter Mobilität, der für ihn neu an Bedeutung gewonnen hat. Udo Gassner blickte vor allem nach vorn und zeigte sich motiviert, seine Mobilität auch über das Projekt hinaus weiter umzustellen.
Auch aus Sicht der Stadtverwaltung brachte das Projekt wichtige Erkenntnisse. Sandra Saborowski und Florian Aurich betonten, dass gemeinsame Bustouren und Vor-Ort-Begehungen einen Perspektivwechsel ermöglicht haben. „Hürden und Probleme wurden so unmittelbar erlebbar“, lautete ihr Fazit. Die Stadt will diesen Dialog fortsetzen und hat dafür eine Mobilitäts-AG ins Leben gerufen.

Aus Frankenberg/Sa. berichten Harald Schmitz, Florian Aurich, Sandra Saborowski, Lisette Tolxdorf und Udo Gassner (v.l.n.r.)
Markkleeberg: Es geht, aber es braucht mehr Sicherheit
In Markkleeberg wurde deutlich, dass ein Leben ohne eigenes Auto bereits gut möglich ist. Eine gute ÖPNV-Anbindung und vorhandene Carsharing-Angebote erleichtern den Alltag. Die Projektteilnehmenden Martin Obst sowie Susi und Maik Kirsten berichteten von funktionierenden Routinen, in denen das Fahrrad und das Leihauto zentrale Rollen spielen.
Gleichzeitig wurde klar, dass es insbesondere auf stark befahrenen Straßen noch mehr Sicherheit für den Rad- und Fußverkehr braucht. Querungen und Radverkehrsführungen stellen hier weiterhin eine Herausforderung dar.
Bürgermeister Olaf Schlegel verwies darauf, dass sowohl er selbst als auch Oberbürgermeister Karsten Schütze überwiegend ohne Auto unterwegs sind. Diese Vorbildrolle spielte in der Diskussion eine wichtige Rolle. Das öffentliche Verkehrsforum im Rahmen von „100fach mobil“ machte konkrete Verbesserungsbedarfe sichtbar, an denen die Stadt inzwischen arbeitet.

Aus Markkleeberg berichten Martin Obst, Olaf Schlegel, Susi Kirsten und Maik Kirsten (v.l.n.r.)
Pirna: Starker ÖPNV, schwacher Radverkehr
Die Projektteilnehmenden aus Pirna, Marion Müller und Heidrun Ruge, lobten besonders das ÖPNV-Angebot in Richtung Sächsische Schweiz, das sie regelmäßig nutzen. Ihr Wunsch sei es, dass noch mehr Menschen diese Angebote wahrnehmen und den Umstieg ausprobieren.
Gleichzeitig wurde deutlich, dass der Radverkehr bislang nur eingeschränkt attraktiv ist. Ein durchgängiges und sicheres Radnetz fehlt vielerorts. Auch hier setzte das Mobilitätsexperiment konkrete Impulse. Eine gemeinsame Radtour mit Verwaltung und Teilnehmenden führte zu einem Maßnahmenkatalog, der nun schrittweise umgesetzt wird.
Bürgermeister Markus Dreßler betonte bei der Tagung, wie wichtig positive Beispiele im öffentlichen Diskurs über die Verkehrswende sind: „Menschen, die etwas vorleben und begeistert davon sprechen, überzeugen mehr als moralische Appelle.“

Aus Pirna berichten Heidrun Ruge, Marion Müller und Markus Dreßler (v.l.n.r.)
Was das Mobilitätsexperiment in Bewegung gebracht hat
Über die gesamte Laufzeit hinweg stand der Dialog zwischen Bürgerinnen und Bürger und Verwaltung im Mittelpunkt des Projekts. Neben Workshops fanden Vor-Ort-Begehungen, Radtouren und öffentliche Dialogforen zu Fußverkehr, Radverkehr und ÖPNV statt. Dieser Ansatz, Mobilität im Alltag zu erproben und gemeinsam zu beobachten, erwies sich als tragfähig und übertragbar.
In allen drei Städten konnten konkrete Verbesserungen angestoßen werden. Dazu zählen zusätzliche Fahrradstellplätze, Prüfungen von Ampelschaltungen und punktuelle Verbesserungen der Radinfrastruktur. Oft waren es kleine Schritte, die den Alltag jedoch spürbar erleichtern. Entscheidend war der kontinuierliche Austausch.
Ein weiterer Schwerpunkt war die Einbindung von Kindern und Jugendlichen. In allen Projektkommunen fanden Workshops mit 6. und 7. Klassen statt, ergänzt durch öffentliche Schulwegforen. Dort brachten Schülerinnen und Schüler ihre Perspektiven zur Schulwegsicherheit ein und diskutierten diese auch mit Bürgermeistern und Verwaltung. So wurden Mobilitätsbedürfnisse sichtbar, die im Planungsalltag häufig zu wenig berücksichtigt werden.
Fachliche Impulse: Vom Verzicht zum Gewinn
Neben den Berichten aus den Städten richtete sich der Blick bei der Tagung auch auf übergeordnete Fragen. Der Mobilitätsexperte Burkhard Horn stellte zur Diskussion, warum die Verkehrswende vielerorts nur langsam vorankommt. Seine zentrale Botschaft lautete, dass zu häufig über Verzicht gesprochen werde und zu selten über Gewinn. Entscheidend seien positive Zukunftsbilder, die zeigen, wie ein gutes Leben mit nachhaltiger Mobilität aussehen kann. Sein Appell war klar: optimistisch bleiben, Polarisierung vermeiden und Mobilität integriert denken.
Stephan Berger aus dem Sächsischen Staatsministerium für Infrastruktur und Landesentwicklung ordnete die Erfahrungen aus den drei Städten in aktuelle Infrastrukturvorhaben und Förderprogramme ein. Zugleich machte er deutlich, wie herausfordernd die Rahmenbedingungen angesichts kommender Haushaltskürzungen in Sachsen sind.

Mobilitätsexperte Burkhard Horn über die Gelingensbedingungen des Wandels
Was es jetzt braucht: Ergebnisse aus den Workshops
In der zweiten Tagungshälfte arbeiteten die Teilnehmenden in Workshops daran, die gesammelten Erfahrungen zu bündeln und weiterzudenken. Deutlich wurde, dass Projekte wie „100fach mobil“ verstetigt und ausgeweitet werden sollten. Ihre besondere Stärke liegt in der Verbindung von Beteiligung, Wissenstransfer und Perspektivwechsel.
Für die Infrastruktur gilt, dass konkrete Mobilitätsprobleme gelöst werden sollten, statt abstrakte Konzepte zu entwickeln. Dabei ist es sinnvoll, klein anzufangen und gleichzeitig langfristig zu denken. Geteilte Mobilität und Carsharing sollten ausgebaut werden, ebenso braucht es den Abbau von Verwaltungs- und Finanzierungshürden. In der Kommunikation wurde ein positiver, lösungsorientierter Ton als wichtig benannt, ebenso der stärkere Austausch zwischen Kommunen. Auch soziale Aspekte, gesundheitliche Effekte und Mitgestaltung erwiesen sich als zentrale Faktoren für Akzeptanz.
Zum Abschluss der Tagung wurden die Ergebnisse aus Projekt und Workshops aus fachlicher Perspektive gespiegelt. Vertreterinnen und Vertreter aus dem Projektbeirat, der „100fach mobil“ über die gesamte Laufzeit begleitet hat, diskutierten, welche Erkenntnisse übertragbar sind und was es braucht, damit nachhaltige Mobilität in Klein- und Mittelstädten vorankommt.
Isabell Gall (ADFC Sachsen), Anne-Sophie Berner (VCD Elbe-Saale), Markus Haubold (Fahrgastverband PRO BAHN Mitteldeutschland) und Burkhard Horn machten deutlich, wie zentral eine ausgebaute Infrastruktur, verlässliche Angebote und kontinuierliche Beteiligung sind – und dass Projekte wie „100fach mobil“ wichtige Lernräume für Kommunen und Zivilgesellschaft schaffen.

Markus Haubold (PRO BAHN), Anne-Sophie Berner (VCD Elbe-Saale), Ralf Elsässer (LVNS), Burkhard Horn, Isabell Gall (ADFC Sachsen) (v.l.n.r.)
Projektende, kein Schlusspunkt
Mit der Abschlusstagung endet „100fach mobil“, nicht aber das Engagement, das in den Städten entstanden ist. In allen drei Kommunen gibt es Menschen und Strukturen, die weiter aktiv bleiben wollen, etwa in einer Mobilitäts-AG in Frankenberg/Sa., im Bürgerverein in Markkleeberg oder in einer neu gegründeten Fahrradgruppe in Pirna.
Unser Fazit lautet: Nachhaltige Mobilität in Klein- und Mittelstädten ist möglich, wenn Menschen beteiligt werden und gemeinsam an Lösungen arbeiten. Auch kleine Verbesserungen zählen. „100fach mobil“ hat gezeigt, wie viel entstehen kann, wenn ausprobiert, zugehört und gemeinsam gelernt wird. Verkehrswende ist kein fertiges Konzept, sondern ein gemeinsamer Prozess, der sich auf andere Kommunen übertragen lässt.
Die Ergebnisse von „100fach mobil“ als Poster
Förderhinweis:
Die Tagung findet in Kooperation mit der Sächsischen Landesstiftung Natur und Umwelt statt.
Die Finanzierung des Projekts erfolgt durch die Initiative Mobilitätskultur von der Chrysantil Stiftung und der PHINEO gAG.
Die Finanzierung des Projekts erfolgt anteilig durch die ADAC Stiftung.
Die Finanzierung des Teilprojekts „Verkehrslabor: Verkehrswende in kleinen Städten erleben und mitgestalten!“ erfolgt durch die Sonnencent-Förderung der EWS Elektrizitätswerke Schönau.
















