100fach mobil

In Pirna

In Pirna sind bereits zahlreiche Menschen vielfach mobil, ob mit dem Fahrrad, dem Bus, der S-Bahn oder dem Leihwagen. Doch die Autodichte ist mit 532 Autos auf 1000 Einwohnende im Vergleich zu anderen Mittelstädten hoch. Trotz der Angebote, ist der eigene Pkw noch Verkehrsmittel Nummer eins in Pirna. Wie kann die Stadt vielfältiger und umweltfreundlicher mobil werden? Und wie kann autofreie Mobilität gefördert und Erfahrungen damit sichtbarer werden? Das wollen wir mit dem Projekt 100fach mobil in Pirna herausfinden. Auf dieser Seite berichten wir darüber, was unsere Projektteilnehmenden in Pirna für Erfahrungen mit 100fach mobil machen.


Ohne Auto vielfach mobil in Pirna

Reportage von der Infoveranstaltung zu 100fach mobil

Von Graupa mit dem Fahrrad in die Innenstadt von Pirna: für Benjamin Nebe eine Leichtigkeit. Der Ingenieur ist vor allem mit dem Rad mobil. Sein Auto bewegt er nur in seltenen Fällen, etwa wenn Gartenabfälle transportiert werden müssen. „Ich versuche, das Auto so wenig wie möglich zu nutzen“, sagt der Familienvater. Ein Grund ist der Klimaschutz, ein anderer: Er mag Städte mit Autos nicht gern. „Autos sind laut. Wenn man an Hauptstraßen entlangläuft, muss man schreien, um einander zu verstehen. Daran möchte ich mich nicht beteiligen“. Er fahre gerne Auto, erzählt Nebe, jedoch wolle er nicht dazu beitragen, dass es draußen nicht schön ist. Der Gedanke, das Auto gänzlich stehen zu lassen, kam Benjamin Nebe, als er von dem Projekt 100fach mobil des Landesverbands Nachhaltiges Sachsen e.V. erfuhr.

Das Projekt 100fach mobil lädt Menschen in Pirna dazu ein, vielfältige Mobilität ohne eigenes Auto auszuprobieren und gemeinsam die Stadt nachhaltig zu gestalten. Dazu erhält jeder Haushalt für ein Jahr einen monatlichen Mobilitätszuschuss in Höhe eines Deutschlandticket. In dieser Zeit lassen die Teilnehmenden das Auto, wenn es vorhanden ist, möglichst stehen und werden vielfach mobil. Ihre Erfahrungen teilen sie im Projekt untereinander und öffentlich. In Workshops arbeiten sie gemeinsam an nachhaltiger Stadtentwicklung mit. „Das hat mich überzeugt“, meint Benjamin Nebe im Nachgang der Informationsveranstaltung, zu der der Landesverband Nachhaltiges Sachsen e.V. am 29. Mai ins Pirnaer Rathaus eingeladen hat. Nebe engagiert sich im Ortschaftsrat Graupa und im Allgemeinen Deutschen Fahrradclub (ADFC). Er sieht in dem Projekt die Chance, seine Ideen für eine bessere Verkehrsplanung und Stadtentwicklung einzubringen.

Ähnlich geht es Carsten Pietzsch, der sich ebenfalls für das Projekt 100fach mobil gemeldet hat. Auch er möchte seine Ideen stärker in die Kommunalpolitik einbringen. „Ich möchte auch eine Vorreiterrolle einnehmen und zeigen: Autofreie Mobilität ist nicht verrückt, sondern funktioniert“, meint Pietzsch, dessen Familie kein Auto besitzt. „Wir fahren mit dem ÖPNV. Da kann ich meine Kinder während der Fahrt beschäftigen. Das geht im Auto nicht“.

Seine Kinder hat Carsten Pietzsch zur Informationsveranstaltung für 100fach mobil mitgebracht. Sie lauschen den Erwachsenen, die sich bei der Veranstaltung über die Mobilitätssituation in Pirna austauschen. Kinder und Jugendliche sollen im Projekt 100fach mobil nicht außen vor bleiben. Im Schulprojekt KinderVerkehrslabor können die jungen Verkehrsteilnehmenden selbst für eine vielfältige Mobilität aktiv werden.

Mit dem Projekt 100fach mobil möchte der Landesverband Nachhaltiges Sachsen zeigen, dass die Verkehrswende auch in sächsischen Klein- und Mittelstädten möglich ist, und dass sie alle betrifft. Davon ist auch Manja Hamisch überzeugt, die bereits seit zehn Jahren auf ein eigenes Auto verzichtet. Damals hat sie es aus finanziellen Gründen abgeschafft, heute lebt sie aus Überzeugung in Pirna autofrei. An Verkehrsmitteln nutzt die Familie Hamisch alles, was angeboten wird, so auch Carsharing. Manja Hamisch möchte durch ihre Teilnahme an 100fach mobil anderen Menschen zeigen, wie vielfältig das Mobilitätsangebot in Pirna bereits ist. „Es muss ein Umdenken in den Köpfen der Menschen stattfinden, nur so können wir die Verkehrswende schaffen“, meint Hamisch, und Carsten Pietzsch ergänzt: „Außerdem wird unsere Lebensqualität höher, wenn unsere Städte nicht mehr ganz so überfüllt sind mit Autos.“

Unter den ersten Teilnehmenden am Projekt 100fach mobil ist die Begeisterung für die Verkehrswende spürbar. Jedoch hat Pirna noch einen langen Weg vor sich. Auf der Informationsveranstaltung wurden zahlreiche Missstände im Verkehrsraum aufgezeigt. So fehle es vor allem an sicheren Radwegen und an einer durchgehend guten Bustaktung. Auch das Angebot an Carsharing-Stationen und die Mitnahme von Kindern im ÖPNV sind Baustellen, denen sich die Projektgruppe von 100fach mobil künftig widmen möchte.

Raus aus der Komfortzone und vielfach mobil werden, um die Stadt zu verändern – das findet in Pirna Zuspruch. „Wenn jeder seine Komfortzone verlässt, kann das eine unwahrscheinlich große Wirkung haben“, meint Manja Hamisch zum Abschluss der Informationsveranstaltung im Rathaus.

Der Artikel ist am 19. Juni 2024 in der Ausgabe 12/2024 des Pirnaer Anzeigers erschienen.

Aktuelles aus dem Projekt




Förderhinweis:

Die Finanzierung des Projekts erfolgt durch die Initiative Mobilitätskultur von PHINEO.