Zwischen Alltagsproblemen und neuem Buskonzept
Rückblick auf das ÖPNV-Dialogforum in Pirna
Wie alltagstauglich ist der Nahverkehr in Pirna – und welche Veränderungen könnte das neue Buskonzept des Landkreises bringen? Diese Fragen standen am 18. September im Pirnaer Rathaussaal im Mittelpunkt, als die Stadt gemeinsam mit dem Landesverband Nachhaltiges Sachsen e.V. zum ÖPNV-Dialogforum eingeladen hatte. Auf dem Podium saßen Ralph Gruner vom Landratsamt, Axel Ludwig vom Regionalverkehr Sächsische Schweiz-Osterzgebirge (RVSOE) sowie Christian Schlemper und Stefan Gerstenberg vom Verkehrsverbund Oberelbe (VVO). Anlass war das neue Buskonzept des Landkreises Sächsische Schweiz-Osterzgebirge: Der Dialog bot Gelegenheit, die Erkenntnisse aus dem Modellprojekt „100fach mobil“ mit den Planungen der Verwaltung und den Erfahrungen der Bürgerinnen und Bürger zu verbinden.
Alltag ohne Auto: Erfahrungen aus „100fach mobil“
Im Rahmen des Projekts „100fach mobil“ hatten zwanzig Haushalte in Pirna ein Jahr lang versucht, weitgehend ohne eigenes Auto auszukommen – mit einem Mobilitätsbudget in Höhe des Deutschlandtickets. Das Ergebnis verdeutlichte: Der ÖPNV ist grundsätzlich gut ausgebaut, im Alltag allerdings nicht überall zuverlässig und komfortabel.
Besonders die rechtselbischen Stadtteile Copitz und Graupa standen im Fokus: lange Fahrzeiten in die Innenstadt, unzuverlässige Anschlüsse sowie spärliche Abend- und Wochenendverbindungen erschweren die Nutzung. Auch der Wunsch nach Innenstadtbussen und besseren Verbindungen in die Ortsteile wurden im Projekt benannt.

Ein Buskonzept mit vielen Unbekannten
Anschließend übernahm Ralph Gruner, Amtsleiter für Bildung und ÖPNV beim Landratsamt, das Wort, um das neue Buskonzept des Landkreises vorzustellen. Externe Gutachten, Szenarien und Analysen hätten den Rahmen für die Konzeption gebildet, erklärte Gruner. Wichtig sei, dass Überlegungen aus dem Pirnaer Stadtbuskonzept von 2021 in das neue Konzept eingeflossen seien. Perspektivisch sollen vor allem die rechtselbischen Stadtteile profitieren – Copitz und Graupa stehen im Fokus. Gruner räumte ein, dass die Linienführung derzeit zu lang sei.
Konkrete Änderungen lassen jedoch noch auf sich warten. Zwar ist das Buskonzept beschlossen, doch wann und in welchem Umfang es umgesetzt wird, hängt von den finanziellen Spielräumen im Kreishaushalt ab. Über 30 Millionen Euro jährlich fließen bereits in den ÖPNV des Landkreises, die Kostendeckung liegt seit Einführung des Deutschlandtickets nur noch bei rund 50 Prozent. Zudem droht ein erheblicher Personalmangel: Bis 2030 muss etwa die Hälfte der Busfahrer ersetzt werden. „Es muss politisch festgelegt werden, was man sich leisten will“, erklärte Axel Ludwig vom RVSOE. Pirnas Bürgermeister Markus Dreßler ergänzte: „Zum Erfolg kann nur Optimierung führen und nicht, immer noch mehr Geld zu fordern.“
Bürgerstimmen: konkret und kritisch
In der Diskussion brachten die Teilnehmenden ihre Alltagserfahrungen ein. Ein Copitzer kritisierte den seit 2013 bestehenden Umweg einer Buslinie durchs Wohngebiet: „Das kostet Zeit, Geld und sorgt für Lärm.“ Axel Ludwig vom RVSOE erklärten, dass der Umweg durch den Umbau der Kreuzung und die Größe der eingesetzten Gelenkbusse nötig sei – ein Hinweis darauf, wie wichtig transparente Informationen sind, damit Fahrgäste und Anwohner solche Linienführungen nachvollziehen können.
Besonders aus Graupa kamen mehrere Wortmeldungen. Immer wieder wurde bemängelt, dass der letzte Bus bereits um 20:30 Uhr fährt – insbesondere Jugendliche seien dadurch von der Stadt abgeschnitten. Hinzu kam Kritik an organisatorischen Hürden: Eine Lehrerin schilderte, wie aufwendig die Voranmeldung von Schulklassen für Fahrten mit dem Bus sei. „In den seltensten Fällen kommt eine Bestätigung über die Anmeldung“, erklärte sie. Axel Ludwig verwies darauf, dass es für die „immense Anzahl“ an Gruppenanmeldungen derzeit nur eine Personalstelle gebe.
Die unregelmäßige Auslastung der Bahnen sorgte ebenfalls für Gesprächsstoff. „Bahnen sind zeitweise sehr voll oder leer – kann man nicht flexibler reagieren?“, fragte eine Bürgerin. Christian Schlemper vom Verkehrsverbund Oberelbe wies auf lange Vorlaufzeiten bei der Bestellung von Waggons hin: „Das Deutschlandticket kam schnell, die Bahn konnte nicht adäquat reagieren. Ab 2027 wird es mehr Waggons geben.“
Ergänzend zum klassischen ÖPNV stellte Stefan Gerstenberg neue Mobilitätsformen vor, die der VVO ausprobiert. Er berichtete vom erfolgreichen Bikesharing-Testprojekt in Heidenau, das nach sechs Monaten sehr gut angenommen werde: „Ziel wäre es, Bikesharing auch in weiteren Städten auszutesten“ – eine Option auch für Pirna.

Perspektiven für nachhaltige Mobilität
Zum Abschluss wollte ein Bürger wissen, wie mehr Menschen dazu angeregt werden können, im Alltag auf Bus, Bahn, Rad und Fußwege umzusteigen – damit Deutschland seine Klimaziele erreicht. Christian Schlemper machte deutlich, dass es dafür nicht nur bessere Angebote brauche, sondern auch ein Umdenken – bei Fahrgästen, Anbietern und Verwaltung. „Verkehrswende muss im Kopf stattfinden“, sagte er. Genau hier setzt das Modellprojekt „100fach mobil“ an: Es zeigt, dass Menschen zum Umsteigen bereit sind, zugleich aber deutlich wird, wie sehr fehlende oder unzureichende Angebote den Wandel erschweren.
Fazit: Transparenz gewonnen, Umsetzung offen
Das Dialogforum machte deutlich: In Pirna besteht ein großer Gesprächsbedarf. Die Erfahrungen aus „100fach mobil“ zeigen, wo der Nahverkehr im Alltag verbessert werden könnte – besonders in Copitz und Graupa. Dort will die Verwaltung perspektivisch ansetzen, doch wann spürbare Veränderungen kommen, hängt von den finanziellen Möglichkeiten des Landkreises ab.
Bis dahin bleibt der Bürgerdialog – wie an diesem Abend im Rathaussaal – eine wichtige Gelegenheit, Anliegen sichtbar zu machen, Transparenz zu schaffen und nachhaltige Mobilität zu fördern.
Förderhinweis:
Die Finanzierung des Projekts erfolgt durch die Initiative Mobilitätskultur von der Chrysantil Stiftung und der PHINEO gAG.
Die Finanzierung des Projekts erfolgt anteilig durch die ADAC Stiftung.
Die Finanzierung des Teilprojekts „Verkehrslabor: Verkehrswende in kleinen Städten erleben und mitgestalten!“ erfolgt durch die Sonnencent-Förderung der EWS Elektrizitätswerke Schönau.



